EDDA JACHENS


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ABSCHIED VON LEIPZIG

 

Im März 2004 besuche ich Edda Jachens in ihrem Atelier in Leipzig, welches sie inzwischen aufgegeben hat.[1] Ihre Arbeitsräume sind großzügig und in praktischer Anordnung durch eine zweiflüglige Tür mit einer großen Küche verbunden. Darin leuchtet mir beim Eintreten sofort ein kleines, intensiv rotes Bild entgegen, das mich magisch anzieht und seltsame Besitzgelüste auslöst. Es handelt sich um die Paraffinarbeit „Kleines Farbstück Rot“. Diese Arbeit gehört zu einer Reihe von Werken, in denen Edda Jachens mit eingefärbtem Paraffin arbeitet. Jachens hat es für einen Farbtest aufgehängt. Sie erklärt mir, dass sich die roten Wachspigmente im Paraffin im Lauf der Zeit verändern und Schritt für Schritt erblassen. Der endgültige Zustand des Werkes stellt sich somit erst nach einer gewissen Zeit ein.

Edda Jachens entwickelt ihre künstlerische Sprache nach einer klassischen Ausbildung im Studiengang Freie Graphik an der Muthesius-Hochschule in Kiel. Dort beschäftigt sie sich zunächst mit der photorealistischen Zeichnung im Bereich Porträt und Figur. In einem ihrer Projekte geht sie in ein Altersheim und zeichnet ältere Menschen. Im Bereich der Druckgraphik erarbeitet sich Edda Jachens Ende der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts die Grundlagen für eine geometrische Formensprache, die sie von nun an ihrer künstlerischen Arbeit zu Grunde legt. Sie sagt:

„Ich habe die Veranlagung die Dinge zu klären und sie übersichtlich zu gestalten. Aus dieser Veranlagung heraus entwickeln sich die Formen beziehungsweise die Vorliebe zur Vertikalen und Horizontalen.“

Im Jahr 1991 beginnt Edda Jachens mit einer Serie von Graphitarbeiten, welche sie auf der Ausgangsbasis eines Quadrates entwickelt. Sie sagt: „Das Quadrat ist einfach so vollkommen, dass ich es nicht umgehen kann.“

Beispiele dieses bereits abgeschlossenen Werkkomplexes (1991-1997), sind in dem vorliegenden Katalog abgebildet. Die Objekte werden mit einer Schicht aus dunkelgrauem Graphit überzogen, geschliffen und mit Farbflächen in den Grundfarben Rot, Gelb oder Blau kombiniert.

Das künstlerische Prinzip der Verknüpfung von Material, Form und Farbe setzt Edda Jachens in einem neuen Werkkomplex der Paraffinarbeiten fort. Sie entdeckt das Arbeitsmaterial Paraffin 1997 im Zuge einer Heilbehandlung mit diesem Stoff, der die Wärme ergiebig zu speichern vermag. Paraffin verbindet sie fortan mit angenehmen Gefühlen im Unterschied zu Graphit – das durch die Staubentwicklung im Arbeitsprozess des Schleifens sich am Körper und in der Lunge festsetzt. Edda Jachens sagt: „Materialien haben einen Niederschlag auf das Tun.“

Die Korrespondenzen zwischen den Stoffen Paraffin und Graphit reflektiert Edda Jachens erst in der Rückschau. Beide überziehen die Arbeiten wie eine Haut, welche hochempfindlich ist. Die unterschiedlichen Materialien absorbieren das Licht jeweils in besonderer Weise. Als „fröhlicher im Geiste“ beschreibt Eugen Gomringer Edda Jachens’ Paraffinarbeiten im Vergleich zu ihren Graphitskulpturen.[2]

Es lässt sich bei Edda Jachens nicht ganz eindeutig sagen, ob die Form oder die Farbe oder gar die Materialität Ausgangspunkt ihrer künstlerischen Arbeit ist. Deutlich wird jedoch, dass dies die tragenden drei Säulen ihrer Arbeit sind, die sich gegenseitig bedingen. Im Gespräch beschreibt Edda Jachens, dass es Ende der achtziger Jahre, in ihren Vorstellungen, ein gelbes Quadrat war, welches ihre Überlegungen im Hinblick auf ihre künftige Kunstproduktion beeinflusste. In dem Werkkomplex der Arbeiten mit Paraffin werden durch das Material die präzisen geometrischen Formen zugunsten der Farbe gemildert. Unter der wachsigen Schicht gelangt die Farbe in einen Schwebezustand. Edda Jachens setzt Farben intuitiv. Die geometrischen Formen sind lediglich das „Gefäß für Farbe“.[3] Und doch ist sie keine Farbkünstlerin im Sinne der Essentiellen Malerei, die sich ausschließlich auf das Thema Farbe konzentriert. Gleichermaßen unspezifisch setzt Edda Jachens die geometrischen Formen nicht auf einer mathematisch-geometrischen Basis im Sinne der Konkreten Kunst ein. Ihrer Arbeit liegt ein subjektives Formempfinden zu Grunde. Was also ist Edda Jachens künstlerische Bestimmung?

Edda Jachens’ Arbeiten strahlen eine transzendentale Ruhe aus. Ihr Konzept bezieht sich vor allem auf einen geistigen Bereich der Kunst. Sie setzt auf Wahrnehmung und Kontemplation. In ihr Konzept passt es auch, dass sie sich zunehmend radikalen Methoden im Herstellungsprozess verweigert, wie denen der oben beschriebenen unangenehmen Staubentwicklung beim Schleifen von Graphit oder dem Umgang mit ätzenden Säuren in der Druckgraphik.

Eugen Gomringer sagt: „Edda Jachens kann mit ihren Objekten echte mediale Ereignisse schaffen: Medienereignisse, die an Ort und Stelle in das räumlich-zeitliche Kontinuum überleiten.“[4]

Es spricht für Edda Jachens’ Konzept, dass ihre Arbeiten eine klare und ruhige Präsenz zu erzeugen vermögen, trotz der relativ kleinen Bildformate mit denen sie vorwiegend arbeitet.

Folgt man dem bisherigen Werdegang der Künstlerin, so ergibt sich aus der Abfolge der Werkkomplexe eine gewisse innere Logik, die auf neue Ideen an ihrem zukünftigen Lebens- und Arbeitsort Stuttgart schließen lassen. Auch die Tatsache, dass sie in der Werkschau im Jahr 2004 erstmalig die Graphit- und Paraffinarbeiten gleichzeitig zeigt, legt einen gewissen Abschluss des letzten Werkkomplexes nahe. Auf neue Ergebnisse ihrer Arbeit kann man gespannt sein. Ich wünsche Edda Jachens dabei viel Glück.

 

Wita Noack, Juli 2004


[1] Der folgende Text sowie einige der verwendeten Zitate beruhen auf einem Gespräch, dass die Autorin am 17. März 2004 mit der Künstlerin in Leipzig führte. Das Gespräch wurde auf Tonband aufgezeichnet.

[2] Eugen Gomringer, 2001, Kat. Hermann Glöckner. Edda Jachens. S. 2.

[3] Mattias Bleyl, 1988, Essentielle Malerei in Deutschland. Wege der Kunst nach 1945, S. 45.

[4] Eugen Gomringer, 2001, Kat. Herrmann Glöckner. Edda Jachens. S.3.


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