EDDA JACHENS


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VOM SINN TRANSPARENTEN GESTALTENS - WERKE VON HERMANN GLÖCKNER UND EDDA JACHENS

Es ist eine Beobachtung allgemeiner Art, dass die aktuelle Digitalisierung durch die elektronischen Medien auf vielen Feldern eine Dematerialisierung eingeleitet hat. Im gleichen Zug wird vernehmlich Transparent gefordert. Tatsache ist überdies, dass nicht nur der profanen Ebene gesellschaftlicher „Ereignisse“ Trasparenz eigener Art – zum Beispiel zur Schau gestellte Intimität – voll im Schwange ist, ebenso wird auch in den Künsten mit Hilfe von Techniken der Dematerialisierung vermehrt transparent gestaltet. Man könnte sich fragen, ob durch solche Vorgänge „Das Geistige in der Kunst“ in ebenfalls aktualisierter Weise wieder zur These werden könnte. Zwar war es stets selbstverständlich, dass Werke der Kunst einer geistigen Fundierung, ausgehend von welchen Vorstellungen immer, bedurften, um in der sichtbaren Existenz als besondere Leistungen wahrgenommen zu werden. So wie andererseits Stofflichkeit in der Kunst die sinnliche Wahrnehmung erst ermöglicht.
Techniken der Dematerialisierung in Einklang zu bringen mit stofflichen Qualitäten – diese Kontaminierung dürfte bezeichnend sein für künstlerisches Gestalten im Jahrhundert der Abstraktion, dem vergangenen 20., das den Verzicht auf narrativen Ballat durch neue Realität wunderbar ausgeglichen hat. Davon zehrt die Gegenwart auf der Suche nach neuer Orientierung. Der im hohen Alter 1987 verstorbene Hermann Glöckner und Edda Jachens, mit einem Werdegang in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts, sind bei aller Unterschiedlichkeit ihrer Gestaltungsansätze – und gerade auch dadurch – überzeugende Gestalter der Transparenz. Für Glöckner sprechen einmal mehr die Faltungen als Skulpturen, die den wohl weitgefasstesten Werkkomplex des Gesamtwerkes ausmachen, und ebenso die Collagen. Edda Jachens ihrerseits ist mit „Arbeiten mit Paraffin“ in einem reversiblen Verhältnis dem transparenten Gestalten verpflichtet.
Für Hermann Glöckner ist der Gestaltungswille des Faltens seit den frühen Dreissigerjahren dokumentiert und setzt sich fast bis zum Lebensende fort, wobei – nahe liegen – Faltungen auch als Verwandlung bezeichnet werden. Und Faltungen werden vorgenommen mit Farbstreifen, Farbflächen und dreidimensional mit Blechen oder Papieren, wobei auch mit Streifen und Flächen räumliche Erscheinungen erzielt werden. Diese letzteren werden oft als Collagen fixiert, was ihnen zärtliche Transparenz verleiht. Es ist gewiss keine Beugung zugunsten einer These, wenn im Faltprozess vielleicht der wesentliche Gestaltungswille Glöckners, das universale Spiel der Verwandlungen transparent wird. Es ist ein Spiel mit Elementen, das beispielsweise auch in den Handdrucken ausgeübt wird. Ein räumliches Spiel – das Spiel eines „Glasperlenspielers“, eines Künstlers und Weisen.
Glöckners Entwicklung verlief innerhalb der Konstruktiv-Konkreten Kunst völlig eigenständig. Während sich in dieser seit den Dreissigerjahren das freie Spiel der Kräfte oder der „Zufälle“ eines Hans Arp immer mehr zu strengen Methoden fokussierte, blieb Glöckner der Spontaneität verbunden: einer konstruktiven Spontaneität mit selbstgesetzten Grenzen. Das Geistige in der Kunst hat in ihm wahrlich einen grossen Vertreter geschaffen. Sein Werk ist innerhalb des Kunstbereichs, der es beansprucht, eines der stillen und verhältnismässig gleichmässigsten, aber tatsächlich auch eines der transparentesten. Mit Josef Albers ist er auch einer der Ökonomen der Kunst.
Edda Jachens’ Kunst mit Paraffin ist offensichtlich eine Kunst, die auf Transparenz baut, Transparenz einsetzt, um die Botschaft ihrer Werke – und ihres Werks – richtig vortragen zu können. Das Medium „Paraffin“ ist zwar wirklich nur ein Medium und nicht die Botschaft selbst, aber im Prozess der Dematerialisierung ist es die beste Wahl. Dabei ist die Künstlerien im Umgang mit Stoffen, die das Konzept der Gestaltung mittragen, sehr vertraut. Sie hat vor den jüngeren Werken mit Paraffin eine Werkgruppe abgeschlossen, deren Material ein dunkelgraues Graphit war. In Übereinstimmung mit strengen, meist kastenförmigen Basiskörpern bewog die Oberflächenstruktur des Graphits zu einer ausschliesslichen Apperzeption. Fröhlicher im Geiste ist, was Edda Jachens heute mit ihrer Kunst mit Paraffin vornimmt. So unterschiedlich sich diese Werkgruppe in ihrer Machart von den Faltungen und Collagen von Hermann Glöckner ausnimmt – eine Verwandtschaft im Geiste, in der Stimmung, ja in der Faszination der Stille ist weder zu übersehen noch zu verkennen.
Wo Glöckner zum Beispiel bei den Collagen durch Überlagerung von Streifen selbst in der Fläche Transparenz und Räumlichkeit gewinnt, verlegt Edda Jachens die Wahrnehmung von Räumlichkeit in den Schein. Wie schon in der Werkgruppe der Graphitobjekte ist sie fraglos Konkrete Künstlerin und arbeitet mit geometrischem Formenvokabular. Geometrische Formen liegen allen ihren Arbeiten zugrunde. Es sind Farbflächen entweder zentral im Bildraum situiert oder Folgen von Farbflächen und Farbstreifen in horizontaler Richtung. Assoziationen zu Bildkonzepten wie sie bei den Züricher Konkreten der Fünfziger- und Sechzigerjahre zu beobachten sind – als „Farbthemen“ etwa bei Camille Graeser – werden wach, aber auch gleich einer anderen Beobachtung unterworfen. Denn Edda Jachens koordiniert frei, das heisst weder nach Farbflächengleichheit noch nach anderen formalen Konzepten. Ihr Gefühl für Harmonie spekuliert mit der sanften Veränderung, welche der Paraffinauftrag – farblos, 3-4 Millimeter stark – zu verursachen vermag. Zwischen hellen und dunklen Streifen bzw. Flächen setzt sie „vermittelnde“ Akzente. Wenn sie sich auf zwei dunkle Farben und Weiss beschränkt, zum Beispiel in einem 36er-Raster, zeigt ihre Verteilung der einzelnen Module, was subjektive Aleatorik vermag.
Die Konkrete geometrische Konzeption ist Bedingung für das Gelingen des durch die Paraffinschicht erwirkten Scheins. Das geometrische Muster wird unscharf. Ein unscharfes Muster jedoch würde einfach verschwimmen und wäre letztlich sinnlos. Es sind auch die präzisen geometrischen Formen, welche dem Nachbildeffekt bekanntlich am deutlichsten ausgesetzt sind. Noch wenig beachtet wurde wahrscheinlich die Tatsache, dass Farben und Formen, die durch eine Paraffinschicht sozusagen „gebrochen“ werden, also selbst schon Nachbilder der präzisen Grundformen zu sein scheinen, besonders lebhafte Effekte ergeben. Die Paraffin-Farbtafeln werden dadurch, wenn immer sich die Wahrnehmung mit ihnen beschäftigt, zu einer Art leiser Entfernungsprozesse. Die materiellen Grundlagen werden vergessen; die Entmaterialisierung, verursacht durch transparente Gestaltung, transzendiert.
Edda Jachens kann mit ihren Objekten echte mediale Ereignisse schaffen: Medienereignisse, die an Ort und Stelle in das räumlich-zeitliche Kontinuum überleiten. Dass sie als Künstlerin der Konstruktiv-Konkreten Kunst sich dabei der einfachen präzisen Formen bedient erinnert an „zeitlose“ Harmoniegesetze und sokratische Weisheit. Überhaupt ist das Gleichnishafte, das den Schein der Erscheinungen, das heisst die Abhängigkeit des Unsichtbaren vom Bestand der Physis, sinnlich-geistig erfahrbar werden lässt, wie eine Erinnerung an grosse Dialoge.


Eugen Gomringer

© Edda Jachens